Digitalisierung denken: Beispiel Mobilität – ein Versuch

Der Digitalisierung gedanklich zu begegnen ist gerade für Mitmenschen, die eher analoge Strukturen bevorzugen, eine Herausforderung.

Doch auch kulturell getragene und sich manifestierte „Pflöcke“ machen für viele die rein gedankliche Herangehensweise an digitale Themen schwierig. Wie das (scherzhaft) aussehen kann, zeigt der Artikel über Milenials, die die Türklingel-Industrie zerstören, indem sie einfach vom Gehweg aus „ich bin hier“ texten.

Photo: Matheus Bertelli

Automobilität: individueller Kraftfahrzeugverkehr

Nehmen wir doch mal die Automobilität – also die vom Individuum selbstbestimmte Mobilität. Das Gefährt selbst zu fahren ist dabei die althergebrachte Vorstellung von Mobilität und das haben Analogliebhaber mit Autoliebhabern gemeinsam. Wobei „Auto“ hier als Chiffre für das vom Individuum selbst gefahrene Mobile steht, also das, was in Langform gemeinhin als „Automobil“ bezeichnet wird und was bislang einen Verbrennungsmotor als auch das selbstverantwortliche Steuern desselben impliziert.

Während der Analogliebhaber schlicht an seiner eigenen Vorstellungskraft scheitert, was denn nun Digitalisierung bei der Mobiliät des „Autos“ leisten könne, fühlt sich der Automobilliebhaber im o.g. Sinne zugleich in seinen Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung gehindert.

Wie genau ist das zu verstehen?

Vom Automobil zum autonomen Mobile: Eine Denkrichtung

Wenn wir das Innere mit entsprechender Technologie ausstatten, sodass der Wagen sofort das Licht dimmt, die Sitze einstellt, die passende Musik läuft oder sich – ganz banal inzwischen – die Freisprechanlage per Bluetooth mit dem Telefon des Fahrers verbindet, kommen erste digitale Aspekte ins Spiel.

Im Auto selbst…

Die totale Individualisierung des Fahrerlebnisses per digitaler Kommunikation zwischen den eingesetzten Geräten – hier also das Gefährt als Ganzes mit dem mobilen Endgerät wie etwa einem Handy – gehört zu dem, was weithin als Internet of Things (IoT) bezeichnet wird, also die Vernetzung von Dingen bzw. Geräten untereinander. Das macht eine bislang weitgehend analoge Erfahung mit einem Automobil zu einer digitaleren.

Aber eben noch nicht ganz, denn das Denken geht noch weiter: Bezieht man die Umwelt des Gefährts auch mit ein, rücken zugleich weit größere Änderungen in den Blick.

…und Autos um Autos herum.

So könnte das eigene Auto auch mit anderen Autos kommunizieren. Dies geschieht etwa bei einer Abstandsmessung, sodass der Fahrassistent eingreift, damit es keinen Auffahrunfall gibt – wenngleich hierbei die „Kommunikation“ bei genauerer Betrachtung nur in eine Richtung geht, nämlich per Messung des Abstands zu einem anderen Objekt. Doch dieses andere Objekt – ein anderes Auto – bleibt dabei weitgehend passiv. Es reagiert nicht auf die Messung und sendet auch nicht aktiv etwas zurück an das nachfolgende Gefährt. Stattdessen hält es gleichsam passiv nur seine Flanke in den Raum und belegt damit ein erfassbares Volumen, das von Messgeräten erfasst werden kann.

Würde nun aber tatsächlich eine Kommunikation zwischen den fahrenden Geräten (Autos) statfinden, liegt der Gedanke zum sich selbst steuerenden Gefährt nicht mehr weit. Denn wenn es eine ständige Rückmeldung zwischen sich und der sich ebenfalls bewegenden Umwelt gäbe, könnten alle Gefährte auf der Straße sich untereinander abstimmen und somit nicht nur Auffahrunfälle sondern auch Staus vermeiden.

Es bräuchte sodann auch keine Fahrer*innen mehr, weil sich diese erübrigen würden. Ehrlich gesagt, es dürfte sogar keine Fahrer*innen mehr geben, weil der Faktor Mensch die größte Variable für Unsicherheiten in der ganzen Gleichung ist. Das Eingreifen menschlicher Handlungen in einen vollautoamtischen Ablauf bringt unvorhersehbare Größen ins Spiel, die viel schwerer zu kontrollieren sind.

Die Vorteile liegen dennoch auf der Hand: wer die Kinder von der Schule abholen muss, braucht dafür keine Zeit einplanen. Das Gefährt fährt von alleine. Wer sich auf dem Weg zu einem wichtigen Termin nochmals alle Unterlagen ansehen möchte, braucht vorab keine Zeit dafür einplanen. Das Gefährt fährt von alleine. Wer beim Gespräch im Auto dem Gegenüber seine volle Aufmerksamkeit widmen möchte, kann den Blick von der Straße nehmen. Das Gefährt fährt von alleine. Wer bei längeren Reisen gerne Filme guckt, begeht nichts illegales mehr, denn das Gefährt fährt von alleine.

Aber das schlagende Argument eines solchen digital gesteuerten Verkehrs lautet: Es soll keine Verkehrstoten mehr geben, auch wenn nicht verschwiegen werden soll, dass ein autonomes Fahrzeug bereits ein Todesopfer gefordert hat. Ein autonom fahrendes Gefährt ließe sich jedoch nicht außerhalb der Limits bewegen – egal, ob es sich um Geschwindigkeit (rasen), Abstand (drängeln) oder Untergrund (nur auf offiziellen Wegen) handelt. So könnte auch niemand in irgendwelche Weihnachtsmärkte fahren – zumindest wäre das wesentlich unwahrscheinlicher und es könnten viele Unfälle vermieden werden.

Dazu aber bedarf es vor allem eines, nämlich der Abschaffung des Lenkrads und des Gaspedals.

Keine Statussymbole

Damit sind wir beim bereits angedeuteten kulturellen Hemmschuh oder „Pflock“ der Automobilliebhaber: Ein solches Gefährt hat wahrscheinlich einen ungleich geringeren Coolnessfaktor. Denn nicht ich selbst kann mich als Herr*in des Gefährts bezeichnen, der alle Handlungen immer und jederzeit bestimmt, sondern der Algorithmus bestimmt die genaue Schnelligkeit und Beschleunigung sowie den exakten Brems- und Abbiegezeitpunkt. Das vermindert drastisch das Identifikationspotenzial.

Aber immerin könnte es noch mein Luxusauto, mein Sportwagen oder mein SUV sein.

70 % weniger Umweltbelastung und Ressourcenverbrauch

Doch wenn man die Kapazitäten der Digitalisierung auch hier konsequent durchdenken möchte, dann wird das individuelle Moment der Statussymbolik noch weiter reduziert: durch Reduzierung der Anzahl der Fahrzeuge.

Digitalisierung würde es möglich machen, dass auf der Strasse nur noch selbstfahrende Fahrzeuge unterwegs wären, die also nicht von einem Individuum gesteuert werden müssten. Und wenn ich nicht unbedingt auf mein eigenes Gefährt zugreifen muss, dann nehme ich eben ein anderes – ähnlich eines Taxis.

Das ökologische Gewissen könnte es sogar verbieten, dass individuelle Besitztümer hierbei genutzt werden. Das würde die Anzahl von Fahrzeugen auf den Straßen auf nur 30 % der jetzigen Menge reduzieren. (Stellen Sie sich vor, wie viel Platz auf auf den Straßen wäre, Stichwort: zugeparkter Raum.)

Anders gesagt: Niemand besitzt ein eigenes Auto mehr und dennoch kommt jeder immer und überall hin. Auch in ländlichen Regionen. Per App auf dem Smartphone wird das Fahrzeug bestellt und es fährt minutengenau vor. Dann kann es be- und entladen werden und steht so lange zur Verfügung, wie gewünscht. Und wer seine Sportausrüstung mehrere Tage im Gefährt lagern möchte, der kann das tun – muss dann aber zahlen.

Damit wären wir wieder bei der ökonomischen Komponente der luxuriöseren Nutzung, nur würde sich diese nun auf Zeit und Raum und weniger auf Ausstattung und Äußerlichkeit beziehen.

Spätestens hier sieht sich der oben als Versuch benannte Text mannigfaltigen Möglichkeiten in der „Feinsteuerung“ gegenüber: Was ist, wenn ich alleine gefahren werden will? Was ist, wenn ich viele Stops auf der Route brauche? Was ist, wenn sich schnell meine Pläne ändern?

Sicher könnten all diesen Momenten Rechnung getragen werden, indem ebensie steigt: die Rechnung. Sie zahlen dann mehr, wenn sie aufwändigere Mobilitätsansprüche haben. Das ist übrigens kein Unterschied zum herkömmlichen Analogfahrzeug: Wer viel fährt und das Gerät viel nutzt, zahlt letzlich mehr an Sprit (oder welcher Antrieb auch immer genutzt wird) als auch an Abnutzungskosten (Reifen, Wartung, Werkstatt, Versicherung).

Meine CDs?

„Und meine ganzen CDs im Auto?“ Nun, die müssen dann tatsächlich in die Cloud. Digitalisierung ist natürlich nur dann griffig, wenn sie vollumfänglich angewendet wird. Der analoge Faktor erscheint dann oftmals als Bremse oder gar Störfaktor. Und genau darum geht es hierbei: zu begreifen, was Digitalisierung bedeutet, fängt mit dem konsequenten Durchdenken spezifischer Kontexte an. Bedenken kann man immer noch haben, aber sicher nicht bereits dann, wenn es erst um das Ausloten der theoretischen Möglichkeiten geht.

Der Motor

Viele denken bei Digitalisierung der Automobiltität ersaunlicherweise sogleich an den Antrieb und „ersetzen“ sodann den Verbrennungsmotor durch eine Brennstoffzelle oder eine entsprechend leistungsstarke Batterie. Doch das alleine hat noch gar nichts mit Digitalisierung zu tun.

Aber ein Elektromotor – um bei diesem Beispiel zu bleiben – ist ein viel einfacheres Konstrukt als jeder Verbrennungsmotor. Er kann demnach auch einfacher überwacht und gewartet werden. Und er geht nahezu nicht kaputt.

Die Bahn

…und dann gibt es ja noch die Bahn. Was könnte die denn alles digital(er) machen?

Bei der Bahn wäre es schon ein signifikanter Gewinn, wenn sie alle ihre, für den Endkunden zugänglichen Systeme, schlichtweg synchronisieren würde.

  • Warum ist es nicht möglich, dass ich auf der Bahn-App genau diesselbe Anzeige wie am Bahnsteig sehe – und zwar zur selben Zeit?
  • Warum kann eine am Schalter gekaufte Fahrkarte nicht gleich in meiner Bahn-App angezeigt werden, gerade wenn ich sowieso schon meine Bahncard durch ein Gerät am Schalter gezogen habe?
  • Warum erkennt der Wagon nicht beim Einsteigen, dass ich da und später am richtigen Platz bin?
  • Warum kann ich nicht per App den Service und einen Kaffee bestellen?
  • Und warum ist das W-LAN in der Bahn eigentlich so schlecht, dass selbst das Abrufen von Nachrichten wie WhatsApp, Signal oder Telegram nicht in Echtzeit möglich ist?

Gerade Letzeres hat mit der im internationalen Vergleich blamabel schlecht ausgebauten Infrastruktur für mobile Endgeräte in Deutschland zu tun, über die sich selbst der Wirtschaftsminister peinlich berührt zeigte und sich echauffiert hat.

Aber das ist nun wirklich eine andere Thematik…

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